Tempelschlaf

„Gnothi seauton! Erkenne dich selbst!“
stand an der Säule einer Vorhalle des Apollontempels in Delphi – der bedeutendsten Orakelstätte der antiken Welt. Apollon selbst galt als Urheber dieser Aufforderung – der Sonnen, Heil- und Orakelgott der Griechen. Das Sonnenprinzip ist in der europäischen Tradition zutiefst mit dem Göttlichen, mit dem Ich und der Erkenntnis verbunden – mit der Erkenntnis der eigenen Rolle im kosmischen Ganzen.
Tempelschlaf 2015:
Rituale für Heilung und Selbsterkenntnis
mit Christian Rätsch, Claudia Müller-Ebelig, Svenja Zuther und Miguel Angel Galan Garcia
vom 25.-28.06.2015

Als Tempelschlaf bezeichnet man eine seit der Antike belegte Praxis, bei der ein Hilfesuchender den Tempel eines Heilgottes oder eine Orakelstätte aufsuchte, um dort im Traumschlaf Antworten auf seine Fragen, Hinweise für eine wirksame Therapie oder auch direkt Heilung durch den Heilgott selbst zu erfahren. Es war die wichtigste Heilmethode in den Heiligtümern des Asklepios, Sohn des Sonnen- und Orakelgottes Apollon. Asklepios galt wie sein Vater als großer Heiler und ist uns auch heute noch als Namensgeber zahlreicher Kliniken und des Äskulapstabes bekannt.
Vermutlich gab es eine ähnliche Praxis auch schon in der Steinzeit in Zusammenhang mit den Megalithheiligtümern.

Der sogenannte „Tempelschlaf“ war offenbar ein spezieller Bewusstseinszustand, der eine mystische Erfahrung ermöglichte, der spirituell und therapeutisch zugleich war – ein mystischer Heilkult. Während des Tempelschlafs wurden auch Behandlungen durch sogenannte „Priesterärzte“ durchgeführt, denn Therapie und Spiritualität waren im ursprünglichen Sinne eins (therapeuein, griech. = achtsam sein, pflegen, (der Seele) dienen, (Gott) verehren). Die Seele stand im Mittelpunkt der Therapie, denn sie galt in der Antike als das Wahrnehmungsorgan für das Göttliche – auch das Göttliche im Menschen. Ziel war es also, dass die Seele sich durch das veränderte Bewusstsein im Traum ausdrücken konnte, u.a. durch ihre Fähigkeit zur Imagination, zum Bilden innerer Bilder. Der Traum konnte zu einer spirituellen Erfahrung werden. Er wurde im Anschluss mit Hilfe der Priesterärzte gedeutet und in eine individuelle Therapieempfehlung umgesetzt.

 

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