Das Yin-Yang-Symbol – schamanisch interpretiert

von Miguel Angel Galan Garcia

Das Yin-Yang-Symbol wird sehr viel verwendet und ist auch in unserer westlichen Welt allgegenwärtig. In der Chinesischen Medizin gilt es als die Grundlage überhaupt. Einige Heilkundler und spirituell Arbeitende stellen gar dar, dass es die Grundlager ihrer Philosophie ist. Aber wenn man genauer hinschaut, und nachfragt, sind die Konzepte, die einem dann präsentiert werden, sehr schwammig. Am eindrucksvollsten fand ich diese Diskrepanz in meiner Akupunkturausbildung. Dort hieß es anfangs, dass alles was wir hier machen, auf Yin und Yang aufbauen würde. Doch nachdem das gesagt war, war es das auch schon fast. Irgendwann mal tauchten Yin und Yang als Diagnose auf, doch in einer Art die mich irritierte. Yin und Yang wurden verstofflicht. Es gab zu viel Yin oder zu viel Yang. Manchmal hieß es auch: „Das ist Yin“ oder „Das ist Yang“, aber auch hier im Sinn eines Adjektivs wie „grün“ oder „weiß“. Dies ging und geht aber an der Mächtigkeit und Absicht dieser Symbole weit vorbei. Das Yin-Yang-Symbol ist von seiner ganzen Kraft und Aussage her ein schamanistisches Symbol!

Es ist in höchster Vollendung die Kombination schamanistischen Naturerlebens bzw. schamanischen Denkens und abstrakter Modellbildung und entstand zu einer Zeit, in dem auf dem Gebiet des heutigen Chinas ein Hochkultur existierte, in der die schamanische Weltanschauung Bestandteil eben dieser war. Auch das „Dao De Ging“1 (oder Tao Te King) können wir in einen schamanistischen Kontext stellen. Die Spuren sind deutlich. Fu Xi der mystische König der Chinesen trägt Merkmale eines Schamanen, die noch in den Ritualen der Anrufung der Ahnen bei den Chinesischen Kaisern zu sehen sind. Der religiöse Daoismus zeigt – bis heute – die Ahnen und Geisterverehrung. Das Feng Shui beinhaltet Techniken, die Geister so ins Haus einzuladen, dass sie Wohlstand und Gesundheit bringen. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Technik, die sich „Five ghosts carry money“ nennt, wo die Richtung des Eintritts der Geister ins Haus gelenkt wird. In der chinesischen Medizin ebenso wie im Feng Shui ist die Erde eines der wichtigsten Elemente. Sie kann mit ihren Naturgewalten sowohl Glück bringend als auch zerstörerisch sein. Und schließlich sehen wir im Yin-Yang-Symbol, wie Yin und Yang den ewigen Rhythmus des Universums beschreiben – den Zyklus des Seins.

Doch es kam wie in allen Kulturen in denen sich eine Priesterkaste, später auch die Beamten Chinas, dieses Wissens bemächtigte. Es wurde monopolisiert, verdreht und und bis zur Unkenntlichkeit hierarchisiert. Diese Weltanschaung wurde bekannt als Konfuzianismus. Anstatt mit der Natur zu fließen und sich dem Dao2 hinzugeben, wurde eine unendliche Kette von Regeln aufgestellt, die nötig seien, um sich in „Harmonie“ mit der Natur zu befinden. Yin und Yang wurden Werkzeuge der Herrscherschicht. Die Einteilung von Yin und Yang diente nicht mehr dem Erkenntnisgewinn, sondern der Unterdrückung. Die Frau galt als Yin, und musste in ihrem Verhalten passiv und unterwürfig sein. Bis heute gelten Mädchen in China als weniger wert im Vergleich zu Jungen. Diese Form das Leben und die Natur zu betrachten, wurde von den philosophischen Daoisten zutiefst kritisiert und missbilligt.

Mich hat es schon immer interessiert, nicht nur Texte über die Bedeutung von Yin und Yang zu lesen, sondern das Symbol an sich zu analysieren und in seinen anthropologischen Kontext zu stellen. Dabei bin ich zu einer schamanischen Interpretation von Yin und Yang gekommen, die im Alltag jederzeit angewendet und überprüft werden kann. Ein Lehrer von mir, Dr. Tan, brachte mich auf eine interessante Spur. Er lehrte mich, aus seiner Familientradition heraus, ein anderes Verständnis der Chinesischen Medizin und vor allem von Yin und Yang. Er machte eine kleine Anmerkung: Ob etwas Yin oder Yang ist, ergibt sich immer durch einen Vergleich. Etwas ist Yin oder Yang in Bezug zu irgend etwas. Für sich alleine genommen gibt es kein Yin oder Yang. Also gibt es immer nur Yin-Yang-Paare. Und diese gehören unweigerlich zusammen. Sie stellen eine Einheit dar, in der jeweils zwei polare Enden existieren. Und es gibt eine Dynamik zwischen diesen beiden Polen, einen Austausch. Das heißt: Bevor überhaupt von Unterschieden gesprochen werden kann, wird die Einheit vorausgesetzt. Das ist eine zutiefst schamanische Sichtweise: Die Welt besteht aus Beziehungen zueinander und bildet eine Einheit. Trotzdem sind Pole unterscheidbar, aber nicht für sich allein denkbar. Es gilt das Komplementaritätsprinzip. Praktisch angewandt auf mich selber heißt das: Ich bin immer nur ich in einem Beziehungsnetz – und ich bin verbunden mit allem! Vollständige Unabhängigkeit und damit Dualismus sind eine Illusion. Und das gilt in Beziehung zu allen Dingen und Wesen, die uns umgeben. Damit wird aber eine Kategorisierung von irgendwas oder irgendwem in feststehenden Yin und Yang-Tabellen blanker Unsinn. Nichts ist absolut Yin, nichts ist absolut Yang. Wir sind immer beides und unsere Position in diesem dynamischen Feld wechselt ständig.

Alleine das hat schon Konsequenz: jede Unterscheidung sagt sofort aus, dass ich aus der Sicht dieser Unterscheidung nur durch das Gegenüber existiere. Damit sind aber alle Adjektive, die wir jemanden zuweisen, vollkommen relativ. Im Dao De Ging heißt es (ich benutze hier eine anonyme Übersetzung, die sehr klar diesen Punkt darstellt):

Wenn Menschen Dinge schön finden, müssen sie andere Dinge doch hässlich finden. Wenn Menschen Dinge gut nennen, müssen sie andere doch böse nennen.
Aus der Wirklichkeit schaffen sie eine Scheinwirklichkeit.
Schwierig und einfach sind relativ. Lang und kurz sind abhängig von einander.
Hoch und niedrig werden bestimmt durch einen Standpunkt.
Klang und Stimme hängen von einander ab.
Vorn und hinten setzen einen Blickpunkt voraus.
Wer weise ist, handelt deshalb ohne Absicht.
Und bestimmt nicht, was andere tun müssen.
Er lässt alles geschehen, wie es geschieht und gehen, wie es geht.
Er betrachtet, was er tut, nicht als eigenen Verdienst.
Und gerade dadurch ist er lobenswert.

Aus diesem ganz basalen Yin und Yang-Prinzip folgt: Wer unterscheidet wählt aus und trifft Urteile, erzeugt so Realität, ist Schöpfer. Wir sind Schöpfer unserer Wirklichkeit. Dazu möchte ich Ihnen eine Übung vorschlagen: Gehen Sie spazieren, und treten Sie an die Orte heran, die Sie schätzen. Nehmen Sie die Beziehung wahr, die Sie zu diesen Orten haben. Nach welchen Kategorien (z.B groß/klein, gemütlich/ungemütlich, warm/kalt, …) ordnen Sie diesen Ort ein? Danach nehmen Sie einmal ganze andere Kategorien (wie z.B. motivierend/lähmend, inspirierend/langweilig, kräftigend/schwächend, … ). Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf und finden Sie möglichst neue und ungewöhnliche Paare – und nehmen wiederum Ihre Beziehung zu diesen Ort wahr. Wie verändert sich Ihre Wahrnehmung, was kommt neu in Ihren Fokus, was vorher scheinbar nicht da war? Wandelt sich der Ort? Dann haben Sie eine der wichtigsten Erfahrungen gemacht, die man aus daoistischer Sicht machen kann: Alles wandelt sich ständig. Sie sind einen Schritt näher daran, die Wandlungen der Natur zu erfahren und zu begreifen.

Nun reduzieren wir das ganze ein wenig. Wir wissen jetzt: Yin und Yang verlangen eine Wahl,welchen polaren Aspekt der Einheit wir betrachten wollen. Wir merken, dass Yin und Yang bloße Platzhalter sind, die Teilprozesse der Natur beschreiben. Einer der grundlegendsten und wichtigsten Prozesse der Natur ist die Sexualität. Mann und Frau sind der Archetypus, der später in Form von Yin und Yang abstrahiert wurde. Zu fragen „Was ist männlich?“ und „Was ist weiblich?“ sowie „In welcher Beziehung stehen diese zueinander?“ entspricht zutiefst der schamanischen Denkweise. Das schamanische Weltbild wurde im Yin-Yang-Symbol auf eine Art und Weise formalisiert, die an Eleganz kaum zu übertreffen ist. Das kosmische Prinzip dahinter wurde in seiner Deutlichkeit, jenseits jedes Bezugsrahmen dargestellt. Mann und Frau zusammen bringen neues Leben hervor – ein Zyklus der von vorne beginnt. Dabei ist das Gleichgewicht zwischen beiden entscheidend für die Harmonie. Es ist Geben und Empfangen, Aktiv und Passiv. Nur wenn beides in Balance ist, ist eine reibungsloses Fließen gewährleistet. Ein Denken das allen schamanischen Kulturen zu eigen ist.

Hierzu eine weitere Übung: Betrachten Sie irgend eine Beziehung (im weitesten Sinne) in Ihrem Leben. Untersuchen Sie diese Beziehung vom Gesichtspunkt „aktiv und passiv“. Dabei sehen wir aktiv als Yang und passiv als Yin. Sind Yin und Yang im Gleichgewicht? Und welche Qualität hat dieses Gleichgewicht? Ist es ein statisches Gleichgewicht oder ein dynamisches? Was würde es bedeuten, wenn aktiv und passiv verschoben werden würden, also Yin und Yang wechseln würden? Sehr spaßig ist diese Übung, wenn man einen Stein in die Hand nimmt und sich genau diese Fragen stellt. Die Sicht auf den Stein, den Archetypus für Materie, für das „Handfeste“ wird eine andere. Normalerweise sehen wir den Stein als passiv an. Wir halten ihn, wir werfen ihn… Aber der Stein zieht uns (physikalisch) genauso an, wie wir ihn. Der Stein entzieht uns Wärme aus der Hand, was wir als passive Kälte des Steins bezeichnen. Wir sagen: „Der Stein ist so und so…“ und beschreiben damit unbewusst auch ein aktives Sein des Steins. Und der Größte aller „Steine“ – auf dem stehen Sie gerade! Wir werden getragen von diesem „Stein“ Erde. Was ist nun aktiv, was ist passiv? Beim Feuer machen für eine Schwitzhütte durfte ich erfahren, dass mir die Steine aktiv mitteilten, ob sie „Großmutter“ oder „Großvater“ für dieses Ritual sind. „Aber ein Stein ist doch „tote“ Materie!“, sagen Sie? Experimentieren Sie damit, Ihre Beziehungen spielerisch zu verändern.

Das Yin-Yang-Symbol ist tatsächlich eine elementare Grundlage der menschlichen (und nicht nur der chinesischen) Weltsicht. Ich konnte hier nur anhand einiger weniger Aspekte zeigen, wie tiefgründig und zugleich schamanistisch die Yin-Yang-Philosophie ist. Ich hoffe, dass die Übungen Ihnen gute Anregungen sein mögen, das Bewusstsein etwas zu verschieben und sonst unsichtbare Dimensionen des Seins hervortreten zu lassen.

Miguel Angel Galan Garcia
ist Dipl.-Biologe, Heilpraktiker und Seminarleiter. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Chinesischen Philosophie und Heilkunde sowie mit den Überbleibseln der z.T. verschütteten westlichen Traditionen, wie Astrologie und Alchemie. Im Schamanismus fand er die ursprüngliche gemeinsame Basis spirituellen Lebens und Erlebens. In seinem Seminar in Zusammenarbeit mit KUDRA NaturBewusstSein zeigt er, wie wir die gut überlieferte Tradition der Chinesischen Medizin nutzen können, um die Urprinzipien schamanischer Denk- und Heilweisen zu verstehen und dadurch auch die schamanische Tradition unserer eigenen Kultur wieder zu finden und zu beleben.